Die Initiative „Gedenktafel im Stadion“

 

Im September 1939 waren über tausend in Wien lebende Juden im Praterstadion inhaftiert worden. An 440 dieser Häftlinge nahm eine „anthropologische Kommission“ des Naturhistorischen Museums Wien „rassekundliche“ Untersuchungen vor. Nach einigen Wochen wurden die Menschen ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, kaum jemand von ihnen überlebte das mörderische NS-System. Jahrzehntelang war über diesen dunklen Abschnitt in der Geschichte des heutigen Ernst-Happel-Stadions ein Mantel des Schweigens gebreitet worden. Im Jahr 2002 machte Claudia Spring, die sich damals im Zuge des Projekts „Anthropologie im Nationalsozialismus“ am NHM mit der „Rassenkunde“ im Stadion beschäftigte, David Forster auf die schrecklichen Ereignisse aufmerksam. Der Autor interviewte daraufhin im März 2003 für Teil 2 der Serie Fußball unterm Hakenkreuz im Fußballmagazin ballesterer den Zeitzeugen Fritz Kleinmann. Während des Gesprächs drückte der betagte Herr sein Bedauern darüber aus, dass keine Gedenktafel im Stadion an die Opfer erinnert.


Enthüllung am 13.11.2003

Forster nahm daraufhin Kontakt mit der zuständigen MA 51 auf. Der Leiter des Sportamts zeigte sich durchaus gesprächsbereit, hatte aber Einwände gegen die Anbringung einer Tafel auf dem Gelände des Ernst-Happel-Stadions. Forster begründete daraufhin die private Initiative „Gedenktafel im Stadion“. Die ehrenamtlich betriebene Ein-Mann-Initiative erreichte binnen weniger Wochen rund 600 Unterstützungserklärungen, darunter drei ehemalige Stadion-Häftlinge, einige Hinterbliebene von Opfern, Bundespräsident Klestil, ÖFB-Präsident Stickler und die Parteichefs von SPÖ und Grünen. Der Druck der Öffentlichkeit und Gespräche mit roten und grünen Gemeinderäten beschleunigten die Sache, Anfang Juni erhielten die Verhandlungen durch die Zusage von Vizebürgermeisterin Laska neue Dynamik.


Gedenktafel im Sektor B des Praterstadions

Am 24. Juni 2003 beschloss der Wiener Gemeinderat einstimmig die Anbringung einer Gedenktafel und forderte die verantwortlichen Stellen auf, „zielstrebig und in enger Koordination mit Mag. David Forster, dem Vertreter der Initiative „Gedenktafel im Stadion“ alle notwendigen Schritte in die Wege zu leiten“. Der Initiator verfasste den Text für die Gedenktafel und suchte gemeinsam mit Dr. Wilhelm Oberlender und anderen Zuständigen von der MA 51 einen Platz für die Tafel aus, ein Steinmetz wurde beauftragt und die Gedenkveranstaltung geplant. Im Oktober wurde das Mahnmal schließlich unter den Tribünen von Sektor B aufgestellt, eben jenem Ort, an dem die Juden vor ihrer Deportation inhaftiert gewesen waren.

Am 13. November 2003 fanden sich über 100 Gäste zum Gedenken an die Opfer und zur Enthüllung der Tafel in der Ehrenhalle des Stadions ein, darunter die Überlebenden Fritz Kleinmann und Paul Grünberg, einige Hinterbliebene, Bürgermeister Häupl und andere Repräsentanten der Stadt Wien sowie der Israelitischen Kultusgemeinde. Forster hielt die Eröffnungsrede, danach sprach Bürgermeister Häupl, der die Einladung zu dem feierlichen Akt ausgesprochen hatte.
Das mediale Interesse war groß, der ORF (u.a. Ö1 Mittagsjournal; TV-Sendungen "Heimat, fremde Heimat" und "Wien heute") und verschiedene Radiostationen (von "Antenne Wien" bis "Radio Stephansdom") berichteten über die Enthüllung, in den inländischen und sogar internationalen Printmedien (BRD, Großbritannien, Israel, Schweiz und Ungarn) sowie im Internet erschienen hunderte Artikel. Auch das zeigt, dass die Gedenktafel im Stadion ein Zeichen gegen das Vergessen ist.

Fünf Jahre später - mit der EURO in Österreich und der Schweiz - flammte das Interesse an diesem "erinnerungspolitischen Pionierwerk in der Fußballwelt" (Peter Cardorff im Buch "Der letzte Pass") erneut auf. Im Frühjahr 2008 berichtete die deutsche Nachrichtenagentur Sport-Informations-Dienst (sid), der Artikel wurde deutschlandweit gebracht, etwa am Finaltag der EURO in der Süddeutschen Zeitung. Im Juni erschien ein Artikel in der Zeitung "NRC Handelsblad", für den der Journalist extra nach Wien angereist war, auch eine niederländische Radiostation sendete eine Geschichte.

Im Jänner 2009 verstarb Fritz Kleinmann, der im ballesterer-Interview 2003 den Anstoß zur Gedenktafel-Initiative gegeben hatte.

Anlässlich des 70. Jahrestages der Verhaftungsaktion von 9. bis 11. September 1939 erschien im September 2009 ein APA-Artikel von Edgar Schütz, der von mehreren Blättern und Websites übernommen wurde. Am 8. April 2012 wurde in der Sendung "Moment am Sonntag" auf Ö1 ein Interview von Alois Schörghuber mit David Forster zur Gedenktafel im Stadion ausgestrahlt.

Literatur:

Cardorff, Peter; Böttger, Conny: Der letzte Pass. Fußballzauber in Friedhofswelten - Zuschauer erwünscht. Göttingen 2005.
Der Gedenktafel ist das Kapitel "Dialektik des Abwehrverhaltens. Wozu braucht man eigentlich Gedenktafeln - und muss man sie sehen können?" (S. 158-162) gewidmet.

Spring, Claudia: Vermessen, deklassiert und deportiert. Dokumentation zur anthropologischen Untersuchung an 440 Juden im Wiener Stadion im September 1939 unter der Leitung von Josef Wastl vom Naturhistorischen Museum Wien. In: Zeitgeschichte 2 (2005).

Artikel von David Forster:
 

  • Politarena Praterstadion, in: Wiener Zeitung, 28. 6. 2008.
  • Haftort Praterstadion. Die Wiener Arena als Gefängnis für Wiener Juden (ZDF.de 2008)
  • mit Claudia Andrea Spring: Haftort: Praterstadion, Sektor B. In: Eppel, Peter; Hachleitner, Bernhard; Schwarz, Werner Michael; Spitaler, Georg (Hg.): Wo die Wuchtel fliegt. Legendäre Orte des Wiener Fußballs. Ausstellungskatalog, Wien 2008, S. 51.
  • Verdrängte Geschichte eines Stadions, in: Tarantel. Zeitschrift für Kultur von unten (Juni 2007), S. 5. (Wiederveröffentlichung des Artikels aus NU Nr. 14)
  • Haftort Praterstadion (ORF science 2003)
  • Gedenken im Stadion, in ballesterer fm Nr. 11 (2003), S. 42.
  • Die verdrängte Geschichte des Ernst-Happel-Stadions, in: NU Nr. 14 (2003), S. 22-23.
  • Wiener Praterstadion, September 1939: "Rassekunde" im Sektor B, in: Augustin Nr. 120 (2003), S. 22-23.
  • Unter den Tribünen. Fußball unterm Hakenkreuz, 2. Teil: das Praterstadion, in: ballesterer fm Nr. 9 (2003), S. 26–27.  

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