Österreichische Opfer der nationalsozialistischen Militärgerichtsbarkeit

Projektdaten

Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Projektleitung:
Walter Manoschek (Institut für Staatswissenschaft).
Projekt-Team: David Forster, Maria Fritsche, Thomas Geldmacher, Hannes Metzler und Thomas Walter.
Laufzeit:
Jänner 2001 bis März 2003.
Publikation:
Opfer der NS-Militärjustiz. Urteilspraxis – Strafvollzug – Entschädigungspolitik in Österreich. Wien 2003.

Projektbeschreibung

Bis Ende der 1990er Jahre standen die österreichischen Opfer der verbrecherischen NS-Militärjustiz im Schatten der Verdrängung und Diffamierung: Die Zweite Republik hatte sich mit größter Selbstverständlichkeit jener Österreicher angenommen, die in der Deutschen Wehrmacht gedient und ihre „Pflicht“ erfüllt hatten. Die Verfolgten der NS-Militärgerichtsbarkeit, die sich als Verweigerer, Deserteure oder Selbstverstümmler dem Dienst in Hitlers Armee entzogen hatten, galten hingegen als „Verräter“ und „Feiglinge“, sie wurden gesellschaftlich ausgegrenzt und sozialrechtlich benachteiligt. Erst durch die Arbeit engagierter Einzelpersonen, darunter ehemalige Verfolgte der NS-Militärjustiz, und die politische Initiative der Grünen rückten die Wehrmachtsdeserteure und andere „ungehorsame Soldaten“ ins öffentliche und mediale Blickfeld.
Eine Entschließung des Nationalrats aus dem Jahr 1999 bildete die Basis dieses Forschungsprojekts, für das die Vorarbeiten in eben diesem Jahr begannen. Im Verlauf der umfangreichen Forschungstätigkeit wurden Quellenbestände im Inland wie auch in internationalen Archiven (Zentralnachweisstelle des deutschen Bundesarchivs, Aachen-Kornelimünster sowie drei Forschungsaufenthalte im Militärhistorischen Archiv, Prag) gesichtet und die gewonnenen Informationen in eine Datenbank eingegeben. Auf diese Weise konnten Daten zu 2534 Personen bzw. 3001 Fällen erfasst werden, die im Zuge der statistischen Auswertung analysiert wurden. Darüber hinaus wurden 31 Interviews mit Opfern der NS-Militärjustiz geführt und ausgewertet.
Die breit angelegte Studie behandelte schließlich die verschiedensten Aspekte des Themas: Die NS-Militärjustiz als Instrument des Terrors, das unmenschliche System des Strafvollzugs, verschiedene Delikt- und Opfergruppen, die Tätigkeit zweier Gerichte, Motivforschung, Sippenhaftung, die politischen Debatten, die Frage der juristischen Rehabilitierung sowie Fürsorge- und Entschädigungsmaßnahmen der Zweiten Republik. Auch die interviewten ZeitzeugInnen kamen ausführlich zu Wort.
Das Interesse von Öffentlichkeit und Medien am Forschungsprojekt und der Thematik war überaus groß: In den Printmedien erschienen hunderte Meldungen und Artikel, Fernsehen und Radio berichteten, mehrere Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen wurden veranstaltet.
Im Verlauf des Projekts wurde ein Zwischenbericht erstellt, erste Forschungserkenntnisse wurden auch am 5. Österreichischen Zeitgeschichtetag präsentiert. Im Oktober 2001 fand ein internationaler Workshop statt, auf dem Zwischenergebnisse des Projekts mit ausländischen Experten diskutiert wurden.
Der vollständige Endbericht erschien in Buchform und wurde 2003 im Rahmen eines Symposiums im Österreichischen Nationalrat vorgestellt. Über die wichtigsten Ergebnisse wurde auch auf Veranstaltungen in der BRD und in Italien referiert.